Vereint durch die Pandemie – die wichtige Rolle von Ehrenamt und Vereinswesen in Wolfsburg

Ehrenamt und Vereinen kommt in Wolfsburg ohnehin schon eine wichtige Rolle zu. Doch wie kommen Mitglieder, Ehren­amt­liche und Mitar­bei­tende in der Zeit der Pandemie überhaupt zurecht und wie ist die Situation der Vereine generell? Dennis Weilmann und Lars Vollme­ring begrüßen zu dem spannenden Thema mit Nicolas Heidtke den Vereins­vor­sit­zenden und Geschäfts­führer vom VfB Fallers­leben – dieser ist nicht nur Sport­verein, sondern einmalig in Wolfsburg auch Kita-Träger.

Transkript

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“Sach mal, Dennis…” – der Wolfsburg Podcast mit Dennis Weilmann und Lars Vollmering.

Lars Vollme­ring
Hallo und herzlich willkommen zur neuen Ausgabe von “Sach mal, Dennis…” – dem Podcast über die wichtigen Themen in unserer Stadt. Und ich begrüße wie immer hier auch an meiner Seite den Namens­geber des Podcast und OB-Kandidat Dennis Weilmann. Hallo Dennis!

Dennis Weilmann
Hallo Lars, grüß’ dich!

Lars Vollme­ring
Wir haben das letzte Mal hier zusam­men­ge­sessen mit Marcel Schäfer, Sport­di­rektor vom VfL Wolfsburg, und haben über das Lebens­ge­fühl Wolfsburg gespro­chen. Also etwas, was von Herzen kommt. Sagen wir es mal so. Was hast du da auch für Resonanz bekommen, auch nach dieser Ausgabe?

Dennis Weilmann
Naja, Marcel Schäfer ist natürlich bekannt wie ein bunter Hund in dieser Stadt. Und wenn der sich mal zu Themen äußert, die nicht Fußball sind, dann wird das wahrge­nommen. Und sehr positiv ist wahrge­nommen worden, wie er zu seiner Stadt steht. Das ist inzwi­schen seine Stadt Wolfsburg und er hat sich ganz positiv, ganz toll geäußert. Das hat viele Menschen gefreut und das ist auch mir zugetragen worden von vielen Menschen. Hat mir total Spaß gemacht.

Lars Vollme­ring
Und um Spaß geht es heute vielleicht auch ein bisschen. Aber wir wollen natürlich auch die inter­es­santen Themen hier weiter beleuchten im Podcast und das ist heute das Thema “Vereint durch die Pandemie – die wichtige Rolle von Ehrenamt und Vereins­wesen”. Dazu haben wir uns einen beson­deren Gast einge­laden, nämlich Nicolas Heidtke. Er ist Vereins­vor­sit­zender und Geschäfts­führer vom VfB Fallers­leben. Hallo Nicolas.

Nicolas Heidtke
Hallo.

Lars Vollme­ring
Ja, schön, dass du mit dabei bist. Wir wollen heute ein Stück, wie es der Titel der Sendung auch sagt, so ein bisschen die Rolle von Ehrenamt und auch von Vereinen in Wolfsburg beleuchten. Wie sie jetzt auch gerade in Zeiten der Pandemie einen wichtigen Bestand­teil einnehmen oder ob man das überhaupt tun kann in dieser Zeit. Das ist ja alles nicht so einfach. Vielleicht kannst du ganz allgemein mal schildern: Wie ist denn die aktuelle Vereins­si­tua­tion bei euch durch Corona?

Nicolas Heidtke
Bei uns beim VfB Fallers­leben ist es so, dass wir aktuell noch sehr gut durch die Krise gekommen sind im Vergleich zu anderen Vereinen. Wir sind insgesamt sehr nachhaltig aufge­stellt und nichts­des­to­trotz ist es bei uns auch so, dass es nach und nach natürlich a) an den Kräften zehrt, immer wieder Rückschläge zu bekommen, dass man nicht öffnen darf, dass man seine Leute nicht wieder “bespor­teln” darf. Wir versuchen, den Kontakt so gut es geht zu halten, aber da kommen wir bestimmt noch im weiteren Verlauf ein bisschen detail­lierter dazu. Aber wir sind insgesamt nachhaltig aufge­stellt. Aber nichts­des­to­trotz, ja, langsam aber sicher zehrt das an den Kräften.

Lars Vollme­ring
Welche persön­li­chen Rückmel­dungen bekommt ihr denn von den Mitar­bei­tern, Ehren­amt­li­chen letzt­end­lich auch, die für euch tätig sind, aber auch von den Mitglie­dern an sich?

Nicolas Heidtke
Ja, insgesamt kann man sagen, wenn ich es mal auf der Sport-Sprache sage, dass alle darauf brennen, wieder zum Sport zu kommen, dass alle wieder ihre Gruppen machen wollen, die Trainer, die Ehren­amt­li­chen, die Neben­amt­li­chen, die Sparten­leiter – die sind alle heiß drauf, wieder ihren Sport­verein sozusagen live vor Ort zu erleben. Das ist ganz klar zu spüren. Und ja, man darf auch nicht immer vernach­läs­sigen, dass es natürlich nicht nur dieser, ich sage mal, gesell­schaft­liche Faktor ist, sondern auch der gesund­heit­liche Faktor, der sozial­psy­cho­lo­gi­sche Faktor irgendwo für die Kinder, aber auch für ältere Menschen, dass denen einfach die Gruppe fehlt. Und wir versuchen dort durch den persön­li­chen Kontakt, was erlaubt ist, über Online-Medien, den Kontakt zu halten, das so gut wie es irgendwie geht, natürlich aufrecht zu erhalten. Aber nichts­des­to­trotz kann ich für uns sagen, für den VfB Fallers­leben, dass die Leute wirklich, ja, mit den Hufen scharren und sagen “Wir wollen wieder kommen”. Natürlich unter Hygie­ne­stan­dards, was dazuge­hört. Aber wir wollen wieder kommen.

Lars Vollme­ring
Vereins­leben in Wolfsburg – natürlich auch ein ganz wichtiger Bestand­teil. Dennis, was bekommst du da gespie­gelt? Jetzt vielleicht in den letzten Monaten? Was bekommst du da mit aus dem Vereins­leben? Was wird da an dich herangetragen?

Dennis Weilmann
Ja, auch das Ehrenamt leidet sehr unter Corona. Das spüren wir ja überall. Egal ob das die Sport­ver­eine sind, ob das die Freiwil­ligen Feuer­wehren sind. Überall merken wir natürlich: Diese Zusam­men­ar­beit lebt eben auch von persön­li­chen Kontakten und die sind gerade eben nicht möglich. Und das lässt sich nur bedingt auch über digitale Formate eben kompen­sieren. Also da fehlt es an Bewegung, da fehlt es an Gesel­lig­keit. Und die Vereine können eben nicht dem so nachkommen, wie das in anderen Zeiten der Fall ist. Ich bin froh, dass es ganz viele tolle Ideen gibt beim VfB Fallers­leben, aber auch darüber hinaus. Viele andere Vereine machen sich Gedanken, wie man auch in der Krise Angebote vorhalten kann. Das finde ich total toll, weil es braucht natürlich auch Möglich­keiten für Kinder, für Familien, sich zu bewegen. Und das fehlt allen. Das merken wir. Das merke ich auch im Persön­li­chen. Also meine Söhne haben im Moment auch kein kein Fußball­trai­ning. Und das vermissen die ungemein. Also da hoffen wir natürlich alle, dass das bald wieder losgeht.

Lars Vollme­ring
Nicolas, was habt ihr denn konkret gemacht oder was hat sich da durch die Pandemie verändert? Dennis hat diese Formate angespro­chen, die vielleicht digitaler Natur irgendwie gehen. Aber sag mal, gibt’s irgendwie in die Richtung was, wo ihr konkret gesagt habt, das und das haben wir jetzt bewusst gesetzt oder gemacht?

Nicolas Heidtke
Wir waren, ich sage mal, Vorreiter in vielen Bereichen, was bestimmte Sachen angeht, und viele Vereine sind zum Glück auch nachge­zogen. Wir haben von vornherein unsere Sport­stätten für Familien freige­geben, dass Familien Sport treiben können, damit genau dieser Aspekt wenigs­tens ein wenig ich sage mal Bewegung für die Kinder, insbe­son­dere natürlich in diesem Fall, möglich ist. Wir haben unser komplettes Programm auf Online-Medien umgestellt, sprich wir haben Zoom Live-Kurse, wir haben YouTube Live-Kurse, wir haben verschie­denste Kanäle, wir haben verschie­denste Challenges ins Leben gerufen. Wir haben eine Weihnachts­ak­tion gehabt, eine Oster­ak­tion. Wir haben für die Familien, damit sie spazieren gehen können – weil vielen fehlt ja schon allein diese Motiva­tion häufig auch spazieren zu gehen – haben wir verschie­dene Parcours aufgebaut, auch außerhalb der Sport­stätten. Jetzt haben wir zum Beispiel über Ostern eine Oster-Challenge gemacht, wo wir verschie­dene Ostereier versteckt haben, wo die Kinder spazieren gehen konnten, mit ihren Eltern Übungen machen mussten. Also sprich: dieses Animieren, die Leute dazu zu bringen, sich trotzdem zu bewegen. Und vielleicht noch zu der Rolle in der Pandemie. Es ist natürlich so, dass allgemein – und da spreche ich jetzt nicht nur für den VfB Fallers­leben – häufig Sport­verein gleich Freizeit gesetzt wird. Und das ist natürlich eine völlig falsche Heran­ge­hens­weise. Ein Sport­verein ist viel mehr als nur Freizeit. Neben der Gesund­erhal­tung, dem sozial­psy­cho­lo­gi­schen Effekt ist es auch ganz klar irgendwo eine gesell­schaft­liche Veran­ke­rung und auch der soziale Kitt. Und man verliert auch häufig vielleicht eher die Kinder, die vielleicht auch nicht vom Haushalt her, ich sag mal, animiert werden, bewegt zu werden und auch sozia­li­siert zu werden. Und das bietet natürlich der Sport ungemein. Und das fehlt in der Pandemie ein bisschen teilweise. Und deswegen waren wir eigent­lich auch froh, dass die 20-Personen-Regel bei den Kindern relativ frühzeitig kam und auch die Stadt Wolfsburg dort natürlich dann mitge­zogen hat, was auch nicht selbst­ver­ständ­lich ist. Es gab auch Kommunen, die dann gesagt haben, wir machen trotzdem zu, wir lassen die Anlagen trotzdem zu. Und das war ein wichtiger Schritt, glaube ich, auch für uns, der jetzt natürlich leider aktuell wieder nicht funktioniert.

Dennis Weilmann
Das ist ja das, was am einfachsten ist, wenn man einfach sagt “Ja, wir machen zu. Wir haben jetzt Corona und wir lassen es mal. Alle bleiben zu Hause”. Das ist sozusagen für jeden immer das Einfachste. Und ich glaube, das kann man nicht hoch genug wertschätzen, wenn es Entschei­dungs­träger gibt in den Vereinen, aber auch bei der Stadt Wolfsburg und darüber hinaus, die dann auch einfach sagen “Wir machen es trotzdem, weil uns einfach wichtig ist, das Ehrenamt zu stärken, das Vereins­leben zu stärken. Das Thema Bewegung – einfach auch ein ganz Wichtiges natürlich für unsere Kinder. Das merken wir doch alltäg­lich zuhause, wie schwierig es ist, wenn Kinder sich nicht bewegen können. Und die haben im Moment natürlich einfach keinen Radius, so wie das sonst wünschens­wert wäre.

Lars Vollme­ring
Ist da der VfB Fallers­leben ein “Vorbild”? Weil es ist ja ein relativ großer Verein in Wolfsburg. Ist das Vorbild­cha­rakter für kleinere Vereine? Geht das? Was kriegst du da mit, Dennis?

Dennis Weilmann
Nicolas hat das ja gesagt. Der VfB Fallers­leben hat sicher­lich sehr frühzeitig da tolle Ideen entwi­ckelt und das kann man gar nicht hoch genug wertschätzen. Natürlich, klar, so ein großer Verein hat sicher­lich auch nochmal ganz andere Möglich­keiten, als kleinere Vereine das haben. Ich stelle fest, dass wirklich viele Vereine in Wolfsburg diesen Weg gehen, viele tolle Ideen ganz indivi­duell auch entwi­ckelt haben, um für ihre Mitglieder da zu sein, um einfach Angebote zu schaffen, die einfach natürlich andere Angebote sind. Wir hatten alle gehofft, noch vor einigen Wochen, dass das Thema jetzt vielleicht auch ein Stück ausge­standen ist und wir wieder in die richtige Richtung gehen. Es hat ja schon wieder auch teilweise Fußball­trai­ning statt­finden können. Jetzt hat uns die dritte Welle voll erwischt. Wir mussten wieder alles zurück­fahren. Das ist natürlich frustrie­rend und alle hatten auch gehofft, nach Ostern ist vielleicht so ein Zeitpunkt erreicht, wo es wieder aufwärts geht. Jetzt merkt man im Moment, es wird eher schlimmer. Wir haben Ausgangs­sperre. Wir haben vielleicht nochmal wieder einen nächsten großen Lockdown vor uns. Das ist das, was man ja auch auf Bundes­ebene hört. Das ist alles natürlich auch ein Stück frustrie­rend und umso wichtiger, solche positiven Signale zu setzen in dieser Zeit, wo es vielen Menschen auch nicht gut geht.

Lars Vollme­ring
Nicolas, beim Thema Sport geht es ja auch sehr viel um persön­liche Nähe. Das Abklat­schen, das Anfeuern, das gegen­sei­tige Unter­stützen, letzt­end­lich auch das Sich-nahe-sein. Hilfe­stel­lungen beim Turnen, was weiß ich, was es da alles letzt­end­lich gibt. Wie geht ihr denn persön­lich mit diesem Social Distancing um? Also ich stelle mir das sehr sehr schwierig vor letzt­end­lich auch für jemanden, der für andere Leute auch etwas machen und anbieten möchte. Wie geht’s einem dabei persön­lich damit?

Nicolas Heidtke
Ja, persön­lich geht es einem natürlich mit Social Distancing nicht gut, weil ich arbeite nun seit 12 Jahren im organi­sierten Sport. Und genau wie du sagst, Vereins­sport ist halt per Defini­tion kein Social Distancing. Das ist körper­liche Nähe oder zumindest gesell­schaft­li­ches Beiein­ander sein. Und insofern kann es einem Vereins­vor­sit­zenden oder jemandem, der den organi­sierten Sport irgendwo liebt, nicht gut gehen dabei. Das ist ganz klar. Nichts­des­to­trotz ist es aktuell, ja, notwendig, dass es so ist, zumindest zum größten Teil unter Einhal­tung der Regeln, die gelten. Und das, was Dennis gesagt hat, das ist ja auch genau das Richtige. Man sieht häufig manchmal nur die großen Sachen, aber es gibt auch viele kleine Gruppen, die irgendwo Kontakt halten. Und das ist das Wichtige. Wichtig ist eigent­lich als Sport­verein, egal ob groß oder klein: machen. Auch mal Mut haben, etwas zu tun. Immer unter Einhal­tung der Hygie­ne­stan­dards, nicht irgendwo als Hasardeur auftreten. Aber es ist vieles manchmal möglich, was man vielleicht gar nicht für möglich hält. Und das sind manchmal auch Kleinig­keiten, um einfach den Kontakt zu halten, um dieses Social Distancing – was natürlich, ich sage mal, ein Inbegriff ist, wenn man so möchte – zwar vielleicht leben, aber nicht lieben muss. Aber im Endeffekt das ja trotzdem vielleicht ein bisschen umgehen kann, indem man zumindest die virtuelle Nähe hält und das möglich macht, was möglich ist. Und da reicht es manchmal ja schon, wenn man seine Sport­stätte öffnet und ein Mitglied mit der Familie allein in der Halle ist und dieses Gefühl dieser sozialen Nähe hat, zumindest der sozialen Nähe zum Sport­verein hat. Und das reicht manchmal schon aus, um zumindest jetzt eine Phase zu überbrü­cken. Was ich hoffe, das ist nur eine Phase ist, die irgend­wann endet.

Dennis Weilmann
Unabhängig davon haben natürlich wirklich diese Sport­ver­eine in den Ortsteilen oder in der gesamten Stadt einfach eine ganz wichtige Funktion. Auch unabhängig von der Krise sind Vereine, ist insgesamt das Ehrenamt wirklich natürlich auch ein Kitt für eine Gesell­schaft. Und wenn ich mir vorstelle, diese vielen tausend Ehren­amt­li­chen, die wir in Wolfsburg haben, die würde es nicht geben, dann wäre unsere Stadt ärmer. Dann würde uns was fehlen, weil das einfach nicht zu kompen­sieren ist. Nicht von der Stadt Wolfsburg, von niemandem. Es braucht dieses ehren­amt­liche Engage­ment und da kann man gar nicht genug Danke sagen für die, die das tagtäg­lich machen. Im Jugend-Training, in der Hospiz­ar­beit, in den Freiwil­ligen Feuer­wehren. Überall, wo Ehren­amt­liche aktiv sind, haben die eine ganz wichtige Funktion für unsere Gesellschaft.

Lars Vollme­ring
Und genau das wollen wir jetzt auch noch ein bisschen weiter vertiefen hier bei “Sach mal, Dennis…”.

Lars Vollme­ring
Ja, Nicolas – klang eben schon ein bisschen an: Ganz besondere Heraus­for­de­rungen durch die Pandemie, wie generell in der Gesell­schaft, natürlich auch für Ehrenamt und auch fürs Vereins­leben, für das Vereins­wesen. Ein paar Heraus­for­de­rungen hast du schon skizziert. Aber jetzt mal so ganz allgemein. Wie hält man denn eigent­lich so die ganzen Leute bei Laune? Also man muss ja wahrschein­lich auch, gerade wenn man dem Ganzen vorsitzt oder der entspre­chende Präsident ist – kannst ja nicht immer mit einer Flappe rumlaufen, sondern musst ja auch ein bisschen Optimismus und Positi­vität ausstrahlen.

Nicolas Heidtke
Genau, aber das ist genau das, was uns auch als VfB die letzten Jahre immer ausge­zeichnet hat. Dass wir tatsäch­lich nicht einfach nur – es gibt ja häufig auch immer diesen Spruch “Das war schon immer so” oder “Das kann man nicht ändern”. Und klar können wir die Pandemie vielleicht nicht ändern, die ist halt da. Aber das ist ja kein Grund, jetzt den Kopf in den Sand zu stecken und irgendwie nichts zu tun. Insofern muss man natürlich als Vorsit­zender, und auch mein Führungs­team, wir gehen da immer voran und sagen “Okay, es muss weiter­gehen”. Und die Heraus­for­de­rung ist halt wirklich für uns, immer wieder irgendwo eine Innova­tion zu schaffen, immer wieder neue Angebote irgendwie zu schaffen, damit die Leute auch sagen “Okay, da passiert etwas im Verein”. Wenn mit den Menschen was passiert, dann sind die Menschen natürlich auch neugierig. Und dann haben sie irgendwo eine Bindung wieder zum Verein, obwohl sie vielleicht dieses klassi­sche Vereins­leben jetzt seit knapp einem halben Jahr nicht leben können. Und ich habe vorhin schon gesagt, was wir alles gemacht haben: Bewegungs­land, Online-Sport et cetera pp. Verschie­denste Aktionen, die wir gestartet haben. Da haben wir aus dem ersten Lockdown sehr viel gelernt. Also letztes Jahr, vor einem Jahr fast, wo wir auch schon früh was gemacht haben, da haben wir auch damals zum Glück alles gut aufge­schrieben, was wir so geplant hatten und konnten das jetzt quasi 1:1 wieder umsetzen. Natürlich ist es so, dass bei allem Optimismus und bei allem, ich sage mal, Voran­gehen, wird es mit der Zeit nicht einfacher, diese Motiva­tion auch immer wieder rüber­zu­bringen und auch immer wieder selbst zu sagen “Okay, jetzt machen wir”. Weil im Endeffekt ist es so, dass ein Mensch natürlich eine Perspek­tive braucht und das ist bei meinen Mitar­bei­tern und bei den Ehren­amt­li­chen nicht anders. Die brauchen eine Perspek­tive: Wann geht’s los? Wann können wir irgendwas machen? Und das hat bis jetzt gut geklappt. Aber man merkt jetzt auch, dass es langsam aber sicher etwas zäh wird. Und die Ehren­amt­li­chen, die Neben­amt­li­chen und auch die Haupt­amt­li­chen – ich will nicht sagen, dass sie resignieren, das noch nicht, da sind wir bei weitem noch nicht – aber es wird schwie­riger, wirklich immer wieder irgendwo diesen Antrieb zu finden und aktiv zu sein.

Lars Vollme­ring
Ist es auch das, was du mitbe­kommst? Also ist das so ein generelles Stimmungs­bild letzt­end­lich für die Vereine in der Stadt?

Dennis Weilmann
Ja, ich bekomme viel von Vereins­vor­sit­zenden auch die Rückmel­dung: Es gibt schon auch Austritte. Teilweise weil die Feststel­lung ist: Da die Vereine im Moment nicht quasi die Dienst­leis­tungen erbringen können, für die man Mitglied geworden ist, dass Menschen auch austreten und sagen “Na gut, dann brauche ich auch nicht Mitglied sein”. Das ist natürlich ein Stück kurzsichtig gedacht, denn, ich sage mal, so ein Verein braucht natürlich auch einfach eine Unter­stüt­zung, gerade in diesen Zeiten. Und so ein Verein muss natürlich das, was sozusagen dann den auch am Leben hält, auch fortführen können. Und insofern will ich alle Menschen nur motivieren: Bleiben Sie in den Vereinen. Und auch wenn im Moment nicht alles so funktio­niert, wie man sich das wünscht – das wird wieder­kommen. Und ich hoffe, wir müssen gar nicht mehr so ewig lange darauf warten, dass auch wieder ein Training möglich ist, dass man auch wieder in die Sport­stu­dios gehen kann, egal ob es die vereins­ei­genen sind oder die kommer­zi­ellen, die alle ihren Wert haben und wichtig sind für die Stadt. Ich hatte natürlich auch wie alle anderen gehofft, dass wir beim Impfen schon viel weiter sind. Das ist sicher­lich ein Thema, wo wir vor ein paar Monaten dachten, dass wir jetzt Mitte April schon mit dem Impfen einfach so weit sind, dass große Teile der Bevöl­ke­rung davon auch profi­tieren können. Das ist leider nicht so, das geht alles viel zu langsam, viel langsamer als wir dachten. Eine Chance, die sicher­lich da ist, sind auch die Testungen, die ja jetzt auch statt­finden. In Wolfsburg gibt’s inzwi­schen viele Testzen­tren, die auch organi­sierte Tests anbieten. Dazu haben wir natürlich die Bürger­tests, die inzwi­schen auch teilweise in den Drogerien vorhanden sind und verfügbar sind. Hoffent­lich demnächst auch viel mehr Kapazi­täten. Und das kann dann auch Erfolge bringen. Ich glaube, viele sind bereit, auch sich für ein Fußball­spiel, für ein Training, für was auch immer vorher testen zu lassen, um auch gewähr­leisten zu können, dass Anste­ckungs­ge­fahren eben nicht da sind. Und das kann vielleicht nochmal eine Chance sein, in den nächsten Monaten wieder ein Stück zur Norma­lität zurück­zu­kommen, auch ohne dass alle geimpft sind. Das kommt dann hoffent­lich auch irgend­wann dazu. Aber für diese Übergangs­zeit haben wir zum einen natürlich erstmal die Aufgabe, die hohen Inzidenz­zahlen wieder runter zu kriegen und dann mit dem Testen auch ein kontrol­liertes Öffnen hinzu­be­kommen. Und das gilt nicht nur für Handel, für Gastro­nomie. Das gilt dann eben auch für Kultur, für Sport. Manchmal tatsäch­lich sind das Bereiche, die dann oft auch vergessen werden, weil – Nicolas hat es gesagt – das ist nicht nur Freizeit, sondern das ist ein hoher Wert für eine Gesellschaft.

Lars Vollme­ring
Nicolas, das Thema Austritte – wie sehr beschäf­tigt das den VfB Fallers­leben und könnte dann auch so eine ausge­klü­gelte Test-Strategie dann auch tatsäch­lich die Leute wieder heran­führen, sagen wir es mal so, dass sie kommen und den Sport ausüben können?

Nicolas Heidtke
Also wir als VfB Fallers­leben sind da in der glück­li­chen Situation gewesen, muss man ja mittler­weile auch sagen, dass wir bis zum – also Stich­tags­mel­dung ist ja immer der 1.1. eines Jahres, das ist immer die Stich­tags­mel­dung mit den Mitglie­der­zahlen – dass wir im Vergleich 1.1.20 zu 1.1.21 keine Mitglieder verloren haben. Rein rechne­risch. Ist natürlich eine Situation, die, ich glaube, in Nieder­sachsen von den Sport­ver­einen von den ersten 30, sage ich mal, vielleicht zwei hatten. Alle anderen haben zwischen 15 und 20 Prozent Mitglieder verloren. Hängt aber bei uns zumindest und auch bei anderen Großver­einen weniger mit den Austritten zusammen – die bewegen sich auf einem Niveau, was, ich sage mal, normal ist. Also so 15 Prozent Fluktua­tion, das ist beim Großsport­verein normal. Das Problem sind die fehlenden Eintritte. Das ist ganz klar, es tritt niemand in einen Sport­verein ein oder kaum jemand. Also bei uns haben wir normal im Quartal so um die 400 Eintritte. Jetzt haben wir glaub ich 56 im ersten Quartal. Also es gibt schon Menschen, die eintreten. Das heißt, unsere Aktionen haben auch was gebracht. Aber natürlich wiegt das nicht die Austritte auf, die irgendwo dann erscheinen. Das heißt, bei uns ist immer quartals­weise eine Kündi­gungs­mög­lich­keit und entspre­chend tut jedes Quartal, was noch länger andauert, weh und dann merken auch wir das. Aber wir sind tatsäch­lich noch in der glück­li­chen Lage, im Vergleich zu anderen, dass es bei uns sich noch in Grenzen hält. Das mag eine spezielle Situation von Fallers­leben sein oder vielleicht auch eine spezielle Situation unserer Arbeit. Aber ich weiß natürlich, und da gebe ich Dennis vollkommen recht, dass viele mittler­weile wirklich auch sagen “Okay, keine Leistung quasi, also gibt’s auch keine Gegen­leis­tung von mir”, wenn man so möchte, keinen Beitrag. Aber das ist natürlich zu kurz gedacht, weil am Ende des Tages wollen die Leute natürlich trotzdem wieder irgend­wann zum Sport und wollen trotzdem wieder irgend­wann das machen, was dann ist. Und wenn es die Vereine vielleicht nicht mehr gibt, weil alle austreten, dann macht es keinen Sinn. Und die meisten Vereine oder auch anderen organi­sierten Sport­formen, die haben ja auch häufig einen überschau­baren Beitrag, der relativ überschaubar ist. Dank der Unter­stüt­zung der Stadt, dass es dort Zuschüsse et cetera pp. gibt. Und insofern sag ich mal, sollte man seinem Sport­verein nach Möglich­keit die Treue halten und versuchen, die Zeit zu überstehen und danach dann gemeinsam durch­starten. Zum Thema Testen vielleicht noch. Es ist so, dass aktuell zwei Großsport­ver­eine in Wolfsburg in der Akkre­di­tie­rungs­phase sind für ein Schnell­test-Zentrum, also sprich von der Stadt sind wir schon beide genehmigt, also ist schon zugesagt. Jetzt warten wir noch auf die Bestä­ti­gung von der Kassen­ärzt­li­chen Verei­ni­gung, dass wir quasi zwei Großsport­ver­eine – der MTV Vorsfelde und der VfB Fallers­leben – jeweils ein Corona Schnell­test-Zentrum in ihren Sport­stätten eröffnen, um genau das, was Dennis gesagt hat, idealer­weise vielleicht auch mit einer App gekoppelt, dann auch ermög­li­chen können. Dass wir für die Fallers­leber und die Vorsfelder für die Vorsfelder dann natürlich auch möglichst den Sport so schnell wie möglich – getestet, geimpft, wie auch immer – wieder ermög­li­chen können. Und deswegen haben wir beide, die beiden Großsport­ver­eine, sich da zusam­men­getan und haben auch gesagt, wir wollen dort nicht hoffen, dass irgendwo Schnell­test-Zentren eröffnen, sondern wir wollen das quasi unseren Mitglie­dern direkt anbieten und nicht nur unseren Mitglie­dern, sondern da kann natürlich jeder kommen. Und entspre­chend werden wir, denke ich mal, in den nächsten 14 Tagen damit starten und unseren Mitglie­dern und auch anderen Fallers­le­bern und die Vorsfelder den Vorsfel­dern möglichst den Sport wieder ermög­li­chen. Natürlich, wenn es dann wieder erlaubt ist. Aber zumindest wollen wir alle Voraus­set­zungen schaffen, damit wir es machen können.

Dennis Weilmann
Genau das zeigt ja am Ende auch, dass Sport­ver­eine inzwi­schen sich dieser gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Verant­wor­tung ja auch alle sehr bewusst sind und auch hier mithelfen in dieser Phase. Also man wartet nicht nur, dass andere irgend­etwas tun, sondern man tut es selber. Das gilt ja für viele Bereiche auch. Ihr seid ja auch inzwi­schen Kinder­garten-Betreiber, da kommen wir ja gleich noch zu. Also viele Themen, die einfach gesamt­ge­sell­schaft­liche Aufgaben sind, derer sich auch Sport­ver­eine jetzt annehmen. Finde ich genau richtig. Und wir müssen natürlich jetzt genau diese Übergangs­phase organi­sieren, hin zu einer kontrol­lierten Öffnung, die dann irgend­wann wieder statt­findet und wir heute alle leider nicht sagen können wann. Aber wir wissen, es wird irgend­wann diese Übergangs­phase geben. Und vor dem Hinter­grund ist es gut, wenn sich alle da auch jetzt schon darauf vorbereiten.

Lars Vollme­ring
Genau. Da wollte ich nämlich auch nochmal drauf kommen auf das Thema Kita, Kinder­garten. Das ist ja ein Novum in Wolfsburg. Ihr seid, glaub’ ich, da der einzige Verein, der gleich­zeitig auch Kita-Betreiber ist, wenn ich das richtig mitbe­kommen habe, der einzige Sport­verein. Wie ist da die Situation? Gerade auch vor diesem beson­deren Hinter­grund? Und wie sind da auch die Erfah­rungen mit Verein und Kita in dieser Konstellation?

Nicolas Heidtke
Also wir sind jetzt seit zehn Jahren Kita-Träger, also schon etwas länger. Wir sind da schon ziemlich erfahren jetzt, sage ich mal, aber sind natürlich die ersten und einzigen aktuell noch in Wolfsburg. Ja, aktuelle Situation Corona in der Kita: Notbe­trieb. Also sprich, bestimmte Perso­nen­gruppen dürfen ihre Kinder schicken. Alle Mitar­beiter werden morgens getestet, damit sie überhaupt arbeiten dürfen. Also ich sage mal, vergleichs­weise sicherer Ort, soweit es einer sein kann aktuell. Und da sind wir wie jeder andere Träger auch ganz normal in den Träger-Struk­turen integriert und werden von der Stadt dort, muss man auch sagen, hervor­ra­gend unterstützt.

Lars Vollme­ring
Das wollte ich nämlich fragen, also wie ist da die Zusam­men­ar­beit? Wie läuft das?

Nicolas Heidtke
Wir bekommen die Tests von der Stadt kostenlos zur Verfügung gestellt und müssen halt – ich sage mal, unsere Leute wurden ausge­bildet, dass die selbst testen können. Das ist ein Schnell­test. Und insofern, da sind wir super von der Stadt unter­stützt und werden da auch super am Laufenden gehalten, was passiert. Insgesamt die Konstel­la­tion Sport­verein – Kita ist für mich, und das sage ich auch nach zehn Jahren noch, eigent­lich eine häufig viel zu selten genutzte Träger-Struktur. Weil ein Sport­verein beinhaltet ja eigent­lich schon vieles, was Kinder benötigen. Also sprich, Bewegung und motori­sche Fähig­keiten. Natürlich erfüllen wir auch alle anderen Faktoren, die man erfüllen muss im Rahmen eines Kita-Betriebes. Aber wir versuchen natürlich wirklich dieses Thema der Bewegung nicht nur irgendwo in dem Sport­verein zu haben, sondern auch insti­tu­tio­na­li­siert in der Kita. Und deswegen ist es eigent­lich so, dass wir auch danach streben – und das ist ja auch schon quasi so geplant –, dass es auch noch einen zweiten Standort geben wird mit einer Bewegungs-Kita in Wolfsburg. Und aus unserer Sicht würde auch der Sport­stadt Wolfsburg sicher­lich noch ein dritter Standort guttun. Und natürlich würden auch wir den gerne betreiben, weil wir einfach auch sagen, dass genau dieses Thema der Bewegung häufig zu kurz kommt im normalen Kita-Alltag. Und im Sport­verein ist ja das Problem, dass man in den Sport­ver­einen häufig aktiv kommen muss. Also sprich, es kommen ja manchmal vielleicht gar nicht die zum Sport­verein, die es eigent­lich nötig hätten, jetzt gerade im Kindes­alter bezogen. Und in die Kita muss zwar auch nicht jeder, aber es ist ja quasi jeder in irgend­einer Kinder­ta­ges­ein­rich­tung. Insofern ist es natürlich immer gut, wenn, ich sage mal, der Sport zum Problem kommt sozusagen oder im Endeffekt das Problem zum Sport muss, wenn man so möchte, oder zur Bewegung. Und deswegen ist diese Konstel­la­tion Sport­verein – Kita eigent­lich aus meiner Sicht eine überra­gende Konstel­la­tion und wird in anderen Städten noch viel inten­siver gelebt.

Dennis Weilmann
Ich glaube, das ist genau der Punkt, wo auch viele Vereine ja auch in Wolfsburg inzwi­schen sagen “Das ist ein Modell, was wir auch für uns uns gut vorstellen können”. Denn auf der einen Seite ist es so: Bewegung ist extrem wichtig, gerade in den Jahren bis zu sechs Jahren, wo die Kinder in den Kitas sind. Also diese Konstel­la­tion drängt sich ja förmlich auf. Und was natürlich einfach auch aus einer Sicht der Stadt Wolfsburg unheim­lich hilfreich ist, ist, wenn es ganz viele verschie­dene Angebote gibt. Wir haben ja tolle Konzepte der unter­schied­li­chen Träger auch in Wolfsburg. Da gibt es dann manche, die haben eher den sprach­li­chen Teil im Fokus. Ihr habt eher den Bewegungs-Teil im Fokus. Es gibt viele andere Ideen und so haben Eltern auch natürlich eine Auswahl und können auch sagen “Mensch, ich möchte gerne, dass mein Kind in diese oder in diese Kita geht”. Vor dem Hinter­grund glaube ich, sind wir da noch lange nicht am Ende, sondern da wird’s sicher­lich weitere Träger geben, die auch das Thema Bewegung im Fokus haben. Und die können sich sicher­lich beim VfB Fallers­leben wunderbar anschauen, wie das funktio­niert. Denn auch wenn man sich das räumlich anschaut hier in Fallers­leben, sieht man ja, da ist natürlich auch durch die Anbindung der Kita es wunderbar möglich, natürlich die Ressourcen des Vereins insgesamt auch zu nutzen, einzu­binden. Und das passiert ja auch.

Lars Vollme­ring
Und über die Möglich­keiten und auch vielleicht über die Entwick­lungs­ge­schichten, was auch letzt­end­lich möglich ist im Bereich Vereins­wesen mit solchen Modellen – wie wir gerade bespro­chen haben zum Thema Kita – das werden wir jetzt gleich auch nochmal bespre­chen hier bei “Sach mal, Dennis…”.

Lars Vollme­ring
Nicolas Heidtke ist immer noch zu Gast, Vereins­vor­sit­zender und Geschäfts­führer des VfB Fallers­leben. Nicolas, wir haben jetzt ganz viel über die Situation in der Pandemie gespro­chen. Ich möchte noch ein bisschen den Blick nach vorne richten. Wie müssen sich Vereine denn auch künftig ein Stück weit moder­ni­sieren, profes­sio­na­li­sieren, weiter­ent­wi­ckeln? Geht jetzt nicht nur um Corona, sondern vielleicht auch um das Thema Genera­tio­nen­wandel. Also ich kann mir gut vorstellen, dass jüngere Mitglieder von heute ganz andere Ansprüche haben als ältere. Wie geht ihr damit um und was ist eure Marschrichtung?

Nicolas Heidtke
Genau. Also es ist natürlich so, dass ein Sport­verein immer eine sehr große Bandbreite von Personen abdecken muss. Also vom Kleinkind oder vom Baby bis zum Senior. Und genauso ist es natürlich auch beim Ehrenamt. Und die Kunst ist es eigent­lich, sich nicht auf die Ehren­amt­li­chen zu konzen­trieren Ü60, sondern man muss im Endeffekt schauen, dass man möglichst früh Ehren­amt­liche “heran­züchtet”, dass man möglichst früh dafür sorgt, dass eine Arbeits­at­mo­sphäre entsteht, wo man gerne mitmachen möchte. Denn Ehrenamt ist ja dadurch geprägt, dass man etwas gerne tut und nicht, weil man irgendwo vielleicht fünf Euro Aufwands­ent­schä­di­gung bekommt, sondern man macht es ja gerne. Und da ist unser Leitspruch “Mit Tradition in die Zukunft” genau das Richtige. Weil wir wollen auf der einen Seite natürlich nicht die älteren, erfah­renen Ehren­amtler verlieren, weil die haben natürlich eine andere Sicht­weise auf den Verein. Das ist ganz klar. Die haben eine andere Sicht, die haben andere Ziele vielleicht auch in ihrem einzelnen Bereich. Und die muss man genauso handhaben wie vielleicht den jungen 16-Jährigen, der vielleicht sagt “Ich möchte jetzt hier eine E‑Sport Abteilung aufmachen”. Warum soll ich ihn bremsen? Auch wenn ich vielleicht sage “E‑Sport ist jetzt nicht unbedingt mein Super-Thema”. Aber nichts­des­to­trotz kriege ich so den Jugend­li­chen, der vielleicht dann später in 10 Jahren oder in 20 Jahren immer noch ein Ehren­amtler ist und immer noch in irgend­einer Form sich für den Verein einbringt. Und deswegen würde ich jetzt nicht zwangs­läufig von Genera­tio­nen­wandel oder ‑wechsel sprechen, sondern es muss im Endeffekt im Sport­verein immer die breite Basis abgedeckt werden. Weil es gibt nicht den Verein und es gibt nicht den Ehren­amtler. Und insofern muss man als Verein immer schauen, dass man möglichst alle dazu kriegt, dass sie sich mit dem Verein identi­fi­zieren, dass sie sich mit der Aufgabe identi­fi­zieren. Und das kriegt man nur mit Wertschät­zung und auch mit Vertrauen. Und das ist insbe­son­dere bei den jüngeren Leuten so, dass die häufig Vertrauen haben wollen und auch machen wollen und nicht immer nur von oben gesagt bekommen “Nee, das geht nicht oder das geht nicht” oder “Das haben wir immer schon so gemacht”, sondern man muss denen auch einfach sagen “Okay, mach mal dein Ding und versuch’ dich mal ein bisschen auszu­toben”. Und dann sind die auch motiviert. Auch die Jüngeren. Und die Älteren darf man natürlich auch nicht ausbremsen und sagen “So, hier ist jetzt dein iPad und mach’ mal”. Wenn der seine BWA oder was auch immer oder seinen Sparten­be­richt oder irgend­etwas per Schreib­ma­schine abgeben möchte, lassen wir ihn das tun. Und dann soll er das auch machen und so erhält man alle bei Laune und das ist das Entschei­dende. Die Leute bei Laune halten und zu motivieren.

Dennis Weilmann
Und das ist ja am Ende auch eine Riesen­chance, weil das, was ihr in den Vereinen macht, ist gelebte Genera­tio­nen­ar­beit. Das heißt, es gibt Begeg­nungen zwischen Jung und Alt und auf den Sport­ge­länden trifft man sich. Und natürlich gibt’s sozusagen auch diffe­ren­zierte Inter­essen. Aber am Ende, wenn die Menschen Fußball spielen, dann spielen die in der Jugend Fußball genauso wie die im Alter Fußball spielen. Und das ist dann auch was, was zusam­men­führt und was dann auch Genera­tionen verbindet. Also auch hier wieder eine ganz wichtige gesell­schaft­liche Aufgabe der Vereine.

Lars Vollme­ring
Ja, wir haben jetzt quasi gehört, was die Vereine umtreibt. Deswegen sach’ mal, Dennis jetzt – was kann denn letzt­end­lich auch noch voran­ge­bracht werden, gefördert werden, unter­stützt werden? Wo kann man da noch Hilfe­stel­lung geben? Gerade das Thema Ehrenamt, was dir ja auch am Herzen liegt, da noch mal besonders gefördert werden kann.

Dennis Weilmann
Also tatsäch­lich insgesamt für die Sport­ver­eine kann man glaube ich sagen, dass wir eine ganz gut funktio­nie­rende Sport­för­de­rung haben, die auch Sport­ver­einen schon mal viel möglich macht, was Inves­ti­tionen angeht, was aber auch insgesamt den Betrieb der Sport­an­lagen möglich macht. Fürs Ehrenamt insgesamt, glaube ich, kann man noch eine Menge mehr tun. Es wird vor allem – das haben wir gerade ja auch bespro­chen – darauf ankommen, dass wir nach der Pandemie, auch Stadt Wolfsburg, den Ehren­amt­li­chen es möglich macht, möglichst schnell wieder auf die Beine zu kommen. Es wird ein paar Vereine geben, die werden es schwer haben nach der Pandemie. Und da braucht es auf der einen Seite die finan­zi­elle Unter­stüt­zung, aber das ist nur das Eine. Es braucht eben auch Hilfe­stel­lungen, auch unabhängig von der Pandemie. Wenn ich mir vorstelle, kleinere Vereine, die manchmal Veran­stal­tungen durch­führen wollen, die tun sich oft schwer, die heutigen Anfor­de­rungen an Sicher­heits­kon­zepte oder aktuell an Hygie­nekon­zepte umzusetzen. Da müssen wir auch solche Vereine an die Hand nehmen. Da braucht es Kümmerer auch innerhalb der Stadt­ver­wal­tung, die das übernehmen und auch manchmal, ich sage mal, im Behörden-Dschungel den ein oder anderen mal durch­leiten. Also das wird eine ganz wichtige Aufgabe sein. Und ich glaube, da können wir noch viel tun.

Lars Vollme­ring
Gibt es etwas, Nicolas, wo du sagst “Das würde ich mir wünschen”? Also auch in Richtung Stadt, an Unter­stüt­zung? Du hast gesagt, Zusam­men­ar­beit läuft da auch schon insgesamt sehr, sehr gut. Aber gibt es etwas, wo du sagst “Also, wenn ich jetzt einen Wunsch frei hätte” oder so in die Richtung, “das fänden wir jetzt mal cool aus Sicht des VfB Fallers­leben”. Was wäre das denn?

Nicolas Heidtke
Ja, ich breche jetzt erst mal eine Lanze fürs Ehrenamt nochmal und stelle meine Wünsche nach hinten.

Lars Vollme­ring
Das ehrt dich.

Nicolas Heidtke
Was Dennis gesagt hat, ist genau das Richtige eigent­lich, dass man als Stadt Wolfsburg natürlich genau diese Ehren­amts­struk­turen fördern muss oder unter­stützen muss. Und die Unter­stüt­zung ist nicht, dass man einmal im Jahr irgendwo eine Ehrungs­ver­an­stal­tung hat. Die Unter­stüt­zung ist genau das, was er gesagt hat, dass man einfach Hilfe zur Selbst­hilfe leistet bzw. teilweise sogar die Hilfe gibt. Also sprich, der eine oder andere Antrag ist manchmal vielleicht für Ehren­amt­liche etwas kompli­ziert. Helfen. Ich sage mal, bestimmte Formulare benötigt man in tausend­fa­cher Ausfüh­rung. Kann man auch manchmal verein­fa­chen, ohne jetzt bestimmte Gesetze oder Sicher­heits­vor­keh­rungen außer Kraft zu setzen. Aber genau dieses Helfen, das glaube ich, brauchen viele Ehren­amt­liche manchmal, weil einfach dort die Motiva­tion höher ist. Die wollen sich um ein Thema kümmern. Beispiel Sport: Der möchte irgendwo als Übungs­leiter arbeiten, möchte vielleicht auch noch ein kleines Fest organi­sieren, hat aber keine Ahnung, wo er jetzt Erste Hilfe herbe­kommt oder wo er das herbe­kommt oder ähnliche Sachen. Und dann scheitert manchmal schon das Ehrenamt und das ist genau, glaube ich, eine Aufgabe, wo die Stadt dann auch noch unter­stützen kann und sagen kann “Okay, wir schaffen dort in irgend­einer Form Ehren­amts­struk­turen, die dort unter­stützt werden können in irgend­einer Form”. Das ist jetzt nicht nur auf den Sport bezogen, das bezieht sich ja auf jedes Ehrenamt, wo man einfach das eine oder andere vielleicht a) verein­fa­chen kann, wenn es nicht verein­fa­chungs­fähig ist, dass man dann zumindest jemanden hat, der sich damit auskennt – haupt­amt­lich sag ich mal – und der den Ehren­amt­li­chen unter­stützt. Und deswegen breche ich jetzt hier die Lanze fürs Ehrenamt, weil wir als VfB Fallers­leben sind da glaube ich insgesamt auch haupt­amt­lich ganz gut aufge­stellt, dass wir insgesamt, was das Thema ist, ganz gut wegkommen. Aber nichts­des­to­trotz gibt es natürlich viele kleinere Vereine, die dort durchaus auch mal das ein oder andere Problem haben und vielleicht auch dann schon scheitern, etwas Gutes zu tun. Was eigent­lich unnötig wäre, dass es scheitert. Deswegen sage ich mal, das wäre schon ein Thema, was uns ganz, ganz wichtig ist.

Dennis Weilmann
Das ist ja – manchmal sind es ja wirklich Kleinig­keiten. Also wenn ich daran denke, wie schwierig das manchmal ist, irgendwie mal einen selbst­ge­ba­ckenen Kuchen zu verkaufen und was es da für Vorschriften dann schon gibt. Also da braucht es dann auch mal jemanden, der sich kümmert und dann mal sagt “Also pass auf, ihr habt da eine gute Idee, ihr wollt euch auch ein Stück damit finan­zieren, vielleicht um auch mal eine Jugend­fahrt zu organi­sieren. Wir nehmen euch jetzt mal das Drumherum ab.

Nicolas Heidtke
Oder zumindest die Angst nehmen, dass man dort etwas Verbo­tenes tut. Das ist ja manchmal schon tatsäch­lich – das Beispiel Kuchen ist ja schon, wenn man selbst gebackenen Kuchen dort irgendwo verkauft, dann handelt man ja schon in vielen Bereichen nicht mehr ganz legal. Und da muss man einfach vielleicht als Stadt dann auch den Leuten die Angst nehmen, dass dort etwas passiert – wenn es denn geht als Stadt.

Lars Vollme­ring
Kuchen haben wir keinen gebacken hier bei “Sach mal, Dennis…”, aber trotzdem uns sehr sehr inter­es­sant ausge­tauscht, wie ich finde. “Vereint durch die Pandemie” war das Thema – “die wichtige Rolle von Ehrenamt und Vereins­wesen”. Und darüber haben wir gespro­chen mit Nicolas Heidtke, er ist Vereins­vor­sit­zender und Geschäfts­führer vom VfB Fallers­leben. Und ja, vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast!

Nicolas Heidtke
Ja. Gerne, gerne.

Lars Vollme­ring
Ja, und auch danke natürlich an den Namens­geber des Podcast und OB-Kandidat, Dennis Weilmann.

Dennis Weilmann
Danke dir, Lars. Nicolas, natürlich auch schön, dass du heute da warst. Das war ganz inter­es­sant und ich habe auch nochmal viel gelernt. Danke schön.

Nicolas Heidtke
Gerne!

Lars Vollme­ring
Und wir melden uns dann das nächste Mal wieder hier mit einer neuen Folge von “Sach mal, Dennis…”.

Off
“Sach mal, Dennis…” – der Wolfsburg Podcast mit Dennis Weilmann und Lars Vollmering.